Der „Steckrübenwinter“ 1916/17

Vor hundert Jahren herrschte in Deutschland Hunger. Hundertausende deutsche Zivilisten starben innerhalb weniger Monate. Insgesamt waren es von 1914 bis 1918 rund eine Million – wohlgemerkt rein zivile Opfer. Die seit 1914 bestehende Seeblockade der Westmächte gegen das Deutsche Reich eskalierte im Januar vor 100 Jahren, als heimliche Lebensmittel-Importe auch aus den USA zum Erliegen kamen.

Der Winter 1916/17 ging als „Steckrübenwinter“, der die Hungersnot im ganzen Deutschen Reich bezeichnete, in die Geschichtsbücher ein. Die Steckrübe, eine kalorienarme Kohlart, die bis dahin der Tierfütterung galt, sollte die fehlende Kartoffel ersetzen. Sie gab es nun in allen Variationen: als Steckrübensuppe, Steckrübenbrot, Steckrübenauflauf, Steckrübenkotelett, Steckrübenfrikadelle, Steckrübenklöße, Steckrübenmarmelade oder Steckrübenpudding. Diese Kohlart, im Volksmund auch „Hindenburg-Knolle“ bezeichnet, benannt nach dem Vertreter der Obersten Heeresleitung, General Paul von Hindenburg, war nun allgegenwärtig. Die Mangelernährung – im Spätjahr 1916 betrug die tägliche Brotration pro Person nur noch 160 Gramm – erschütterte das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat und in den Kaiser.

Vor allem aber führte die Kriegsführung der Westmächte gegen die deutsche Zivilbevölkerung Millionen Deutschen vor Augen, dass Frankreich und Großbritannien mehr wollten als die militärische Unterwerfung des preußisch geführten Deutschland. Ihre Maßnahmen richteten sich gegen das ganze Volk. Der Einzelne wurde zu einem Spielball übergeordneter Interessen.

Dadurch trug der „Steckrübenwinter“ 1916/17 zu einer politischen Radikalisierung der deutschen Öffentlichkeit bei, die bis zur Machtergreifung Adolf Hitlers 1933 anhielt und danach staatlich verordnet weiter eskalierte. Millionen Deutsche schätzten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den Wert menschlichen Lebens gering ein, weil sie diese Geringschätzung im engeren Sinne des Wortes am eigenen Leibe durch die alliierte Hungerblockade erfahren hatten.

Die Massenmedien verschweigen diesen wichtigen Aspekt der Geschichte des Ersten Weltkrieges. Denn er fügt sich nicht in ihr schwarz-weißes Weltbild von bösen, reaktionären Deutschen und guten „Befreiern“ aus dem Westen.

Ein Grund mehr, gerade in diesen Tagen nicht nur an die Gefallenen, sondern auch an die Hungertoten unseres Volkes vor 100 Jahren zu denken!

Diesen Artikel teilen: